| Menschliche Abgründe
Zwei vollgekokste Männer, ein Überfall auf einen Juwelier, ein Alarm, der zu früh losgeht, die Männer nehmen eine Frau und deren Sohn als Geiseln, erschießen das Kind, erschießen die Frau, einer der Männer wird verhaftet, wird zu „lebenslang” verurteilt. Nur wenige, rasante Seiten benötigt der Italiener Massimo Carlotto für die Ausgangssituation seines brillant geschriebenen Romans, der in die unermesslichen Tiefen der menschlichen Seele führt. Denn der verurteilte Raffaello Beggiato stellt nach 15 Jahren Haft ein Gnadengesuch – er ist unheilbar an Krebs erkrankt. Doch zum Gnadengesuch muss sich der „Geschädigte“ äußern – Silvio Contin, der Frau und Sohn verloren hat, dessen Leben in ein dunkles Loch gefallen ist. Contin erkennt seine Chance, über Beggiato endlich den zweiten Mörder zu stellen, der nie gefunden wurde. Der Gedanke an Vergeltung reißt den Normalbürger Contin aus seiner Teilnahmslosigkeit und lässt ihn zum brutalen Racheengel werden.
Ansatzlos verschwimmen bei Carlotto die Grenzen zwischen Täter und Opfer, schonungslos blättert er menschliche Abgründe auf, illusionslos setzt er Hass über Vergebung. Ein beinhartes Herbst-Highlight. |